Europ. Ges. Krisenp.

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:::   K R I S E N P Ä D A G O G I K     B A N D  2   :::


      Krise und Entwicklung
      Wissensfelder und Kompetenzen
        1. Die drei Wissensfelder
        2. Wissen und Instinkt
        3. Wie entsteht Wissen?
        4. Wissenserwerb als konstruktive Tätigkeit
      Sachkompetenz und Lebensbedürfnis
        1. Überleben durch Sachkompetenz
        2. Was tun, wenn die Sachkompetenz versagt?
        3. Alte Sachkompetenzen weiter pflegen?
        4. Neue Sachkompetenzen erwerben
      Selbstkompetenz und Krisenbewältigung
        1. Krise, Wandel und das Selbst
        2. Krisenbewältigung durch Selbstkompetenz
        3. Was tun, wenn die Selbstkompetenz versagt?
        4. Selbstkompetenz als die Suche nach Selbst
        5. Selbstkompetenz als die Suche nach Sinn
      Sozialkompetenz und Kommunikation
        1. Sozialkompetenz als Rollenübernahme
        2. Kommunikation als Mit-teilen
        3. Was tun, wenn die Sozialkompetenz versagt?
        4. Sozialkompetenz als kommunikative Zuwendung
      Psychologie der Kommunikation
        1. Missverständnisse und ihre Ursachen
        2. Axiome der Kommunikation
        3. Wir hören auf vier Ohren
        4. Kommunikation aus pädagogischer Sicht
      Zum Begriff und Phänomen der Krise
        1. Zum Begriff Krise
        2. Sache und Phänomen
        3. Jedes Phänomen hat zwei Seiten
        4. Jede Krise hat zwei Seiten
        4.1 Die zwei Seiten einer Verlustkrise
        4.2 Die zwei Seiten einer Krankheit
        4.3 Die zwei Seiten einer Rache
      Normalkrisen bzw. Entwicklungskrisen
        1. Normale Wendepunkte in der Entwicklung
        2. Universale Gesetze der Entwicklung
      Akzidentelle bzw. schicksalhafte Krisen
        1. Sterben als Reifungschance
        2. Schicksalsschlag als Lernangebot
      Psychosoziale bzw. kommunikative Krisen
        1. Psychosoziale Phasen der Entwicklung
      Transzendentale bzw. spirituelle Krisen
        1. Nahtodeserlebnis als Transzendenzberührung
        2. Schwangerschaft als spirituelle Erfahrung
      Evologie - die Suche nach den universalen Gesetzen
        1. Die Grundstruktur des Seins
        1.1 Die ewige Formel des Lebens
        1.2 Polarität als Lebensphilosophie
        2. Die Sinnrichtung der Polarität
        2.1 Die Einheit der polaren Gegensätze
        2.2 Die Einheit als Urgrund und Ursprung
        2.3 Der Kreis als Symbol der Einheit
        2.4 Die Einheit als Sphäre des Schöpfers
        3. Der Richtungssinn der Polarität
        3.1 Das Rätsel der Einheit
        3.2 Liebe - der Drang zur Einswerdung
      Dankbarkeit - Schlüssel zur seelischen Zufriedenheit

      Literatur


Leseprobe aus dem Schluss

In seiner meisterhaft geschriebenen Autobiografie "Mein linker Fuß" schreibt Christy Brown über sein Leben als Krüppel. Wegen einer infantilen Parese (Kinderlähmung) kann er außer seinem linken Bein keinen Körperteil benutzen bzw. kontrolliert einsetzen. Die Hände sind gänzlich unbrauchbar, so dass er für die Nahrungsaufnahme und andere tägliche Verrichtungen auf fremde Hilfe angewiesen ist. Seine Sprache besteht aus Grunzlauten, die nur ihm vertraute Menschen verstehen. Er kann weder aufrecht sitzen noch stehen,  geschweige denn gehen. 

Aus dieser Not entwickelt er eine erstaunliche Tugend. Er greift, schreibt und malt einzig und allein mit seinem linken Fuß. Dieser Zustand - gesunder Geist in einem verkrüppelten Körper - dauert die ganze Kindheit hindurch bis hin zur Adoleszenz. Normale Menschen können sich die Reduktion des gesamten Körperapparats auf einen einzigen Teil nicht so recht vorstellen. Darum ist es meine Absicht, zum Schluss bei Leserinnen und Lesern ein Bewusstsein für die Dankbarkeit wachzurufen.

Da verliert jemand seine Arbeit und will deshalb gleich sein Leben wegwerfen. Da erlebt jemand eine große Enttäuschung und greift zum Alkohol, um den Kummer zu ertränken. Da muss jemand eine Niederlage hinnehmen, und schon kommt er sich vollkommen wertlos vor. Gewiss, Leiden ist Leiden, und es lässt eigentlich keine Vergleiche zu. Aber im Einfühlen in die Situation eines anderen Menschen relativiert sich bisweilen das eigene Problem doch noch. Wer sein Schicksal beklagt, sollte an den Satz denken:

Schicksal ist, was einem erspart geblieben ist.

Das Gefühl für die Relativität des Leides und das Offensein für Dankbarkeit sind die Angelegenheit des Bewusstseins. Wer dankbar sein kann, findet viele Gründe dafür; und wer es nicht sein kann oder will, findet keinen einzigen Grund. Das ist eine Frage der Einstellung, aber auch der Übung. Wie eine einfache Übung aussehen könnte, möchte ich an einem Gedicht aus Goethes Westöstlichem Divan zeigen:

"Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
Die Luft einziehen, sich ihrer entladen.
Jenes bedrängt, dieses erfrischt;
So wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich presst,
Und dank' ihm, wenn er dich wieder entlässt."
(Goethe 1967b, S. 10)


Hand aufs Herz: Wer denkt täglich dankbar daran, dass er zwei funktionierende Arme und Beine hat? Wer denkt daran, dass er ohne Beschwerden atmen kann? Das ist nicht selbstverständlich, wenn man Menschen sieht, die unter Atemnot leiden. Um das Gefühl für Dankbarkeit zu wecken, frage ich gelegentlich in einem Krisengespräch, ob mein Gesprächspartner in Kilogramm angeben kann, wie schwer sein Unglück bzw. sein Glück derzeit wiegt. Die Antwort ist meist: Mein Unglück wiegt eine Tonne und mein Glück derzeit höchstens 10 Gramm. Nach einem Gespräch von 90 Minuten sieht die Relation ganz anders aus. Das Unglück wiegt dann nur noch 50 kg und das Glück schon 30 kg. Andere Sicht, andere Ansicht; andere Ansicht, andere Einsicht; andere Einsicht, anderes Bewusstsein; anderes Bewusstsein, anderer Sinn. Ändere du deine Sicht, und die Welt ändert sein Gesicht.

Sobald sich unser Bewusstsein von einer Fixierung freimacht, wird es fähig, andere Dinge zu sehen und Dinge anders zu sehen. Da relativieren sich die Gewichte. Jetzt sagt die betroffene Person: "Na gut, ich habe 50 kg Last zu tragen, aber dafür habe ich auch 30 kg Glück." Es ist wichtig, diese seelische Zufriedenheit Tag für Tag zu trainieren. Sonst gerät man bei jeder neuen Turbulenz im Leben aus dem Gleichgewicht.



  
  .:: © 2005 by Prof. Dr. Bijan Amini ::.