Europ. Ges. Krisenp.

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:::   K R I S E N P Ä D A G O G I K     B A N D  3   :::


    Bijan Adl-Amini

    Krisenpädagogik Band 3: Ausbildung und Beratung

      Inhaltsverzeichnis (bestellen 25 €)

      Was ist Krisenpädagogik?

      Ethisches Menschenbild
        1. Humane Grundhaltung
        2. Maximen der Beratung
        3. Leitsätze der Gesprächsführung

      Philosophisches Fundament
        1. Polarität und Einheit
        2. Bewusstsein und Sinn
        3. Krise und Entwicklung

      Ganzheitlicher Ansatz
        1. Körper und Ernährung
        2. Seele und Meditation
        3. Geist und Erhöhung

      Ziele der Ausbildung und Beratung
        1. Vermittlung von Sachkompetenz
        2. Steigerung von Sozialkompetenz
        3. Erarbeitung von Selbstkompetenz
        4. Exkurs: Sozialethik

      Methoden der Ausbildung und Beratung
        1. Texthermeneutik
        2. Erzählhermeneutik
        3. Tiefenhermeneutik
        4. Holistische Hermeneutik

      Liebe als Einheit

      Literatur

      Verzeichnis der Fallbeispiele



Leseproben

Humane Grundhaltung
Das Gelingen einer Beratung hängt nicht so sehr von irgendwelchen Gesprächstechniken ab. Vielmehr steht es in unmittelbarem Zusammenhang mit der humanen Grundhaltung der Beraterperson. Diese Grundhaltung zeigt sich durch die Persönlichkeit und Charakterfestigkeit. Man kann solche Eigenschaften nicht allzu lange vortäuschen. Die Rat suchende Person spürt die Echtheit intuitiv. Hier die wünschenswerten Persönlichkeitsmerkmale der krisenpädagogisch tätigen BeraterInnen:

- Menschenliebe und Freude an der Freude anderer Menschen.
- Bescheidenheit und Genügsamkeit.
- Offenheit und Lernbereitschaft.
- Aufrichtigkeit und Integrität.
- Bemühung um ein gesundes und sinnerfülltes Leben.
- Sinn für Humor und Situationswitz.
- Keine Honorarerwartung!

Niemand wird bezweifeln, dass es Menschen mit solchen Eigenschaften gibt, aber niemand wird behaupten, er selbst besitze sie. Sicher ist, dass man einen langen Entwicklungsweg gehen muss, um diese Haltung und Einstellung zu erreichen. Wer Menschen in der Krise beraten will, muss sie zunächst empathisch und tief verstehen, und das ist ohne eine humane Grundhaltung nicht möglich. So gesehen ist Beratung aus krisenpädagogischer Sicht eigentlich eine Kunst. Sie erfordert Menschenliebe, edle Charaktereigenschaften, Empathie, Gespür für Sprache, Scharfsinn, Humor und vielseitige Bildung. Das Alles entfaltet aber erst dann die erwünschte Wirkung, wenn die Beraterperson auch tatsächlich selber lebt, was sie rät. Authentizität und Aufrichtigkeit haben eine enorme Überzeugungskraft.


Fallbeispiel: Hodenkrebs
Zu mir kommt ein Mann (46 Jahre), der schon 17 Jahre mit einer lieben Frau verheiratet ist. Er beteuert, dass er sie liebt und immer geliebt hat, auch wenn er der Versuchung gelegentlich unterlag und mal eine Bettgenossin hatte. Als gläubiger Christ hätte er seine Sünde immer wieder gebeichtet und sei doch wieder rückfällig geworden. Nun ist er an Hodenkrebs erkrankt. „Warum ich?“, fragt er sich, und sein Bewusstsein konstruiert:
„Das ist die Strafe Gottes.“
Das ist der Satz, den er mehrmals wiederholt und mit dem er sich selbst noch zusätzlich bestraft. Und weil er das glaubt, gibt er sich selbst auf, glaubt nicht an eine Heilung, sondern ist sich gewiss, dass er qualvoll sterben wird. Das ist seine momentane Bewusstseinslage, fixiert auf eine einzige Perspektive.
Ich frage ihn, woher er den Willen Gottes so genau kenne. Und er antwortet, das sei doch klar. Gott hat ihn genau dort getroffen, wo er gesündigt habe. Ich frage ihn, ob er eine solche Strafe auch dann konstruieren würde, wenn er plötzlich impotent geworden wäre. Er schweigt.
„Und wie steht es mit chronischer Blasenentzündung?“ frage ich.
Er lächelt verlegen und wird nachdenklich. Bald kommt er zu der Erkenntnis, dass seine Konstruktion, Hodenkrebs sei Gottesstrafe für Untreue, instabil ist. Im Laufe des Gesprächs erkennt er noch deutlicher, dass er sich auf eine einzige Sicht fixiert hat, die weder ihm noch seiner Frau Glück bringen kann.
„Wenn Sie Alles, was Sie getan haben, wiedergutmachen wollen, müssen Sie kämpfen, Abwehrkräfte mobilisieren und gesund werden. Dann können Sie durch andere Taten beweisen, dass Sie Ihre Frau wirklich lieben.“
Noch ist er nicht ganz überzeugt. Darum erkläre ich ihm, welche Sünde er mit seinem Festhalten an „Gottes Strafe“ begeht:
„Wenn Sie Gottes Entscheidungen und Urteile so gut kennen, meinen Sie nicht, dass Sie sich auf dieselbe Stufe stellen wie Gott? Wäre das nicht eine noch größere Sünde?“
Er wird blass im ganzen Gesicht und sagt: „So habe ich das noch nie gesehen.“



  .:: © 2011 by Prof. Dr. Bijan Amini ::.