Leseproben
Humane Grundhaltung
Das Gelingen einer Beratung hängt nicht so sehr von irgendwelchen
Gesprächstechniken ab. Vielmehr steht es in unmittelbarem Zusammenhang
mit der humanen Grundhaltung der Beraterperson. Diese Grundhaltung
zeigt sich durch die Persönlichkeit und Charakterfestigkeit. Man kann
solche Eigenschaften nicht allzu lange vortäuschen. Die Rat suchende
Person spürt die Echtheit intuitiv. Hier die wünschenswerten
Persönlichkeitsmerkmale der krisenpädagogisch tätigen BeraterInnen:
- Menschenliebe und Freude an der Freude anderer Menschen.
- Bescheidenheit und Genügsamkeit.
- Offenheit und Lernbereitschaft.
- Aufrichtigkeit und Integrität.
- Bemühung um ein gesundes und sinnerfülltes Leben.
- Sinn für Humor und Situationswitz.
- Keine Honorarerwartung!
Niemand
wird bezweifeln, dass es Menschen mit solchen Eigenschaften gibt, aber
niemand wird behaupten, er selbst besitze sie. Sicher ist, dass man
einen langen Entwicklungsweg gehen muss, um diese Haltung und
Einstellung zu erreichen. Wer Menschen in der Krise beraten will, muss
sie zunächst empathisch und tief verstehen, und das ist ohne eine
humane Grundhaltung nicht möglich. So gesehen ist Beratung aus
krisenpädagogischer Sicht eigentlich eine Kunst. Sie erfordert
Menschenliebe, edle Charaktereigenschaften, Empathie, Gespür für
Sprache, Scharfsinn, Humor und vielseitige Bildung. Das Alles entfaltet
aber erst dann die erwünschte Wirkung, wenn die Beraterperson auch
tatsächlich selber lebt, was sie rät. Authentizität und Aufrichtigkeit
haben eine enorme Überzeugungskraft.
Fallbeispiel: Hodenkrebs
Zu mir kommt ein Mann (46 Jahre), der schon 17 Jahre mit einer lieben
Frau verheiratet ist. Er beteuert, dass er sie liebt und immer geliebt
hat, auch wenn er der Versuchung gelegentlich unterlag und mal eine
Bettgenossin hatte. Als gläubiger Christ hätte er seine Sünde immer
wieder gebeichtet und sei doch wieder rückfällig geworden. Nun ist er
an Hodenkrebs erkrankt. „Warum ich?“, fragt er sich, und sein
Bewusstsein konstruiert:
„Das ist die Strafe Gottes.“
Das ist der Satz, den er mehrmals wiederholt und mit dem er sich selbst
noch zusätzlich bestraft. Und weil er das glaubt, gibt er sich selbst
auf, glaubt nicht an eine Heilung, sondern ist sich gewiss, dass er
qualvoll sterben wird. Das ist seine momentane Bewusstseinslage,
fixiert auf eine einzige Perspektive.
Ich frage ihn, woher er den Willen Gottes so genau kenne. Und er
antwortet, das sei doch klar. Gott hat ihn genau dort getroffen, wo er
gesündigt habe. Ich frage ihn, ob er eine solche Strafe auch dann
konstruieren würde, wenn er plötzlich impotent geworden wäre. Er
schweigt.
„Und wie steht es mit chronischer Blasenentzündung?“ frage ich.
Er lächelt verlegen und wird nachdenklich. Bald kommt er zu der
Erkenntnis, dass seine Konstruktion, Hodenkrebs sei Gottesstrafe für
Untreue, instabil ist. Im Laufe des Gesprächs erkennt er noch
deutlicher, dass er sich auf eine einzige Sicht fixiert hat, die weder
ihm noch seiner Frau Glück bringen kann.
„Wenn Sie Alles, was Sie getan haben, wiedergutmachen wollen, müssen
Sie kämpfen, Abwehrkräfte mobilisieren und gesund werden. Dann können
Sie durch andere Taten beweisen, dass Sie Ihre Frau wirklich lieben.“
Noch ist er nicht ganz überzeugt. Darum erkläre ich ihm, welche Sünde er mit seinem Festhalten an „Gottes Strafe“ begeht:
„Wenn Sie Gottes Entscheidungen und Urteile so gut kennen, meinen Sie
nicht, dass Sie sich auf dieselbe Stufe stellen wie Gott? Wäre das
nicht eine noch größere Sünde?“
Er wird blass im ganzen Gesicht und sagt: „So habe ich das noch nie gesehen.“
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